Ich gehe den Weg, den die meisten gehen: Kind, Jugendliche Erwachsene, Alte. - Da bin ich jetzt zu meinem Erstaunen: Alt geworden. Fast 77 Jahre alt. Wie ist das bloss gekommen, und warum rast die Zeit dermassen? Gerade war noch Weihnachten, und jetzt ist bald Ostern. Am Mittwoch habe ich die letzten Sterne abmontiert von meinem Fenster und ein paar Stoffblumen gebastelt und aufgeklebt. Wann sind die Herbstblätter dran? - Nein, Sarkasmus ist nicht nötig. Ich freue mich, dass ich noch da bin und dass ich gehen und sogar tanzen kann. - Manchmal denke ich aber: Wir haben so viel in mich investiert, dass ich studieren konnte. Und jetzt? - Ich lisme am liebsten. Ich löse Sudokus. Meine theologischen Kenntnisse dienen nur noch Reto, wenn er im Kreuzworträtsel einen Propheten aus dem Alten Testament braucht. Hat sich die Investition gelohnt? Doch gelohnt? - Das Studium war ein grosses Abenteuer. Ich segelte in unbekannten Gewässern und wusste nicht, ob ich Land erreiche. - Das Studium war die Vorbedingung für die fünf Jahre im Urner Oberland. Unbeschreiblich wertvolle Jahre. Nicht einfach, aber unverzichtbar. Zu meinem Leben gehörend und prägend wie wenige andere fünf Jahre. Da habe ich zurück investiert, so gut ich konnte. Jetzt darf ich lismen.
Klingklang
Sonntag, 15. März 2026
Samstag, 14. März 2026
Flach geklopft
Reto schaut sich jeden Werktagabend eine Kochsendung an. Ich befürchte immer, dass er eine immer höhere Messlatte an mein Kochen legt. Er selber blieb bis anhin unbeleckt von diesen Sendungen. Nur schauen, nicht nachkochen. Aber morgen Sonntag will er es versuchen. Ganz besondere Fleischvögel will er machen. Dazu braucht er GROSSE Rindsplätzli. Das hat er heute im Coop dem Metzger gesagt. Und bald begann eine unerhörte Klopferei. Der junge Metzger bearbeitete die zwei Plätzli mit einem Stössel so, dass sie die doppelte Grösse bekamen. Mindestens! Als er fertig war, machte ihm Reto ein Kompliment und sagte: "Zum Krafttraining brauchen Sie heute nicht zu gehen."
Freitag, 13. März 2026
Gar nicht schwierig
Gestern mein Ausgang seit langem - es war einfach nur schön. Und ja, es war sehr einfach. Meine Freundin hielt am Bahnhof Ausschau nach mir. Wir beschlossen, dass wir unseren Apéro unbedingt an der Abendsonne geniessen wollten. Also die Marktgasse hinauf, und dann fanden wir unser Plätzchen. Meine Freundin holte zwei Aperol Spritz, während ich unser Tischchen an der Sonne hütete. Anstossen und geniessen. Plaudern über Gegenwart und Vergangenheit; wir kennen uns schon lange. (Nicht so lange wie meine Beste Freundin und ich uns kennen.)
Als die Sonne hinter den Stadthäusern verschwand, zogen wir weiter. Wir waren früh dran, aber in der "Brasserie Reh" begrüsste man uns äusserst freundlich. Wir bekamen unseren Tisch und die Karte. - Im "Reh" kann man sowohl recht teuer essen, als auch recht günstig. Wir hatten beide Lust auf Quiche, einmal mit Spinat, einmal mit Speck und Käse. - Wow, waren die Teils gross! Ich konnte nicht alles essen, obwohl mir die Kombination von Spinat und Geisskäse sehr schmeckte.
Wir liessen Dessert und Kaffee weg, weil wir pappsatt waren. Und zufrieden. Und glücklich, weil meine weit gereiste Freundin wieder da war.
Donnerstag, 12. März 2026
In den Ausgang
Ich gehe heute Abend in den Ausgang. Aber ich weiss gar nicht mehr, wie das geht. Zwar habe ich einen Tisch für meine Freundin und mich reserviert, aber erst um 19 Uhr. Vorher müssen wir noch um die Häuser ziehen. Wie macht man das? Wohin geht man? Was trinkt man heutzutage? - Meine ganzen Fragen zeigen nur eines: Ich war zu lange abends nicht mehr weg. Hoffentlich weiss meine Freundin mehr. Ich verlasse mich auf sie. Sie ist auch zwanzig Jahre jünger als ich.
Mittwoch, 11. März 2026
Erzählungen
Ich lese drei Bände "Erzählungen" von Siegfried Lenz, einem deutschen Dichter. Er würde heuer hundert Jahre alt. (Gestorben 2014) - Seine Buch-Erzählungen reichen von 1949 bis 1984. Sie sind chronologisch gegliedert. 1949 bin ich zur Welt gekommen; dieses Zusammentreffen berührt mich.
Es sind altmodische Geschichten. Und meistens enden sie nicht gut. Oft überraschend schlecht. Da rettet eine Frau ihrem Mann das Leben, aber er kann das nicht annehmen und geht. Die Titel sind auch nicht zeitgemäss: Jäger des Spotts; Das Wrack; Küste im Fernglas...
Aber die Sprache gefällt mir. Ist ganz genau. Langsam. Redundant (wiederholend). Ich gehe mit, sehe, rieche, schmecke. Ich verstehe die Erzählungen, auch wenn ich ihre Tiefe nicht ganz auszuloten vermag.
ERZÄHLUNGEN
Heute waren wir bei einer Freundin und haben mit ihr ihre Ferien in Holland miterlebt. Sie hat sie uns erzählt anhand von Fotografien. Ich mag Erzählungen, ob sie von alten Dichtern sind oder von einer Freundin, einem Freund.
Dienstag, 10. März 2026
Konfitüre nach Jahrgang
Ich kannte eine Frau, die kochte gern Konfitüre. Sie verschenkte auch gern davon. Aber sie füllte mehr Gläser, als sie und ihre Bekannten essen konnten. Im Keller füllten sich die Holzgestelle nach Jahrgang der Fruchtaufstriche. Sie verschenkte immer die ältesten Gläser. So konnte man 1991 Konfi von 1984 bekommen. Das bewirkte, dass die Leute immer mehr sagten: "Danke, du bist gütig, aber ich habe selber noch genug." - Ich habe die Frau aus den Augen verloren, deshalb weiss ich nicht, wie die Geschichte ausging. Ich jedenfalls habe gelernt: Nur frische Konfi verschenken. Überhaupt die Vorräte in nützlicher Frist aufbrauchen. Gestern bin ich in meinen Keller gestiegen und habe alles in die Wohnung gebracht, das JETZT gegessen oder getrunken werden muss. Wer will noch Holunderblütensekt vom letzten Jahr, der schon einen Essigstich hat, wenn der Holunder schon bald wieder blüht!
Montag, 9. März 2026
Und also blühen die Veilchen
Jeden Tag gehe ich langsam durch unseren Garten. Ich halte Ausschau nach Spinnen, Käfern und anderen Tierchen. Ich beobachte das Wachsen der Pflanzen und lasse mich überraschen von der ersten blühenden Hyazinthe. Ich kontrolliere die Knospen der Kirschbäumchen; bitte, nicht aufgehen, die "Kalte Sophie" ist noch fern. Aber die Blausterne dürfen gern blühen, und die Primeli und die Gänseblümchen. - Wer eigentlich knabbert ständig Primelblüten ab? Gemäss Google können es Schnecken sein, aber auch Hummeln und nicht zuletzt Spatzen. Sei es, wer es wolle - unser Garten bietet auf kleinem Raum vielen Platz. Wir wollen nicht die Einen gegen die Anderen ausspielen. (Nur Schneckenplagen rücke ich rigoros zu Leibe!)
Die heutige Überraschung von Mutter Natur ist gelungen: Wie freue ich mich über die blühenden, duftenden Veilchen, die gestern noch nicht da (?) waren!!!