Donnerstag, 9. April 2026

Mutprobe

 Schon sehr, sehr, sehr lange war ich nie mehr einen ganzen Tag allein unterwegs. Und schon gar nicht allein in den Ferien, was ich vor Zeiten ab und zu gemacht habe. Ich wollte wissen, ob ich das noch kann, allein wandern gehen. Wollte wissen, wie sich das anfühlt.

Ich bin nach Hause zurück gekehrt nach meinem Wandertag am Hallwilersee. Es fühlt sich grossartig an. Ich habe mir ja den schönsten Frühlingstag ausgesucht. Am Hallwilersee blühen nicht nur die Kirschbäume, die Birnbäume stehen auch im vollen Blust, und die ersten Apfelbäume lassen rosa angehauchte Blüten erkennen. Ich habe eine Nachtigall zuerst gehört, dann auch gesehen. Zwei Störche kreisten hoch am blauen Himmel. Und die zehn Zentimeter lange rotorange Raupe heisst Weidenbohrer. 

Ich habe Käse von Boniswil heim gebracht und einen Chardonnay vom Weingut Lindenmann in Seengen. Ganz nahe von Boniswil. 

Ich bin eine Stunde gewandert von Beinwil nach Birrwil. Nach einer Glace- und Pinkelpausen bin ich weitergewandert nach Boniswil. Nochmals eine Stunde. Jetzt bin ich glücklich und zufrieden und voller Sonne und Vogelgesang.



PS. Ich habe die Tiere nicht aufgefuttert; ich war das nicht!


Mittwoch, 8. April 2026

Fünf Uhr nachmittags

 Es ist fünf Uhr nachmittags. Noch bloggen und die vorgezogenen Ringelblumen im Garten setzen. Dann habe ich Feierabend. Heute habe ich viel gearbeitet. Brot gebacken und Brennnesseln für den Winter geerntet und eingefroren. Ist so ein reicher Segen im Garten schon so früh im Jahr! 

Reto und ich haben nach dem Mittagessen einen Gartenrundgang gemacht. Aufgabe: Alle Tiere zählen, die wir sehen. Bei mir waren es zwölf. Natürlich waren alle klein. Ameise, Spinne, Fliege, Schwebefliege, Biene, Wespe, Hummel, Käfer, noch ein Käfer, Aurorafalter, Weissling und am überraschendsten: eine kleine rötliche Libelle. Wirklich wahr! 

Den Irrsinn auf der Welt nicht vergessen, aber die Schönheit der Welt nicht übersehen!


Dienstag, 7. April 2026

Die Schachbrettblume überrascht uns

Am Morgen telefonierte ich nach Wassen UR. - "Weisst du", sagte unsere liebe Bekannte, "bei uns ist es noch nicht grün. Zwar guckten die Osterglocken hervor, aber dann gab es nochmals 40 Zentimeter Schnee." - Wo doch Reto bei uns heute zum dritten Mal den Rasen gemäht hat. Ich bin auch im Garten herum gewuselt. Habe die zarten Triebe des Grünkohls gerettet und die Strünke entsorgt. Dann habe ich für Reto und mich Schwarztee gekocht mit frischer Minze drin. Wir sassen so und schauten und waren glücklich darüber, dass wir ein Gärtli haben dürfen. Plötzlich sage ich zu Reto: "Schau mal, die "Grasmutte" (Erdklumpen mit Gras), die ich neben das Kaya-Häuschen gelegt habe; sie musste meiner Kartoffelrose weichen. Schau mal!"


Aus dem Stück Erde ist eine Schachbrettblume gewachsen. Ihre Urpflanze haben wir von Hanna geschenkt bekommen. Zum Glück wusste ich noch nicht, wohin mit der "Grasmutte!" So konnte sich die schöne Blume entwickeln.

Montag, 6. April 2026

Die letzte Lammkeule!

Ostermontag zu siebt - ich liebe das. Um halb zehn war schon die schwere Lammkeule auf dem Backblech, gesalzen, mariniert, mit Knoblauch und Rosmarin besteckt. Ofen auf 180°; wir sehen uns.

Um zehn war der Tisch gedeckt, mit frischen Blumen und Osterkerze geschmückt, Servietten mit Osterhasen, für alle sieben je ein Stoffbündel mit Osterzeug drin. Lauch im Garten geholt, gewaschen, geschnitten, 50 g Aprikosen dazu, köcheln mit Weisswein und Rahm. Kartoffeln gekocht für Bratkartoffeln. Nudeln bereitgestellt. Salat vorbereitet. Was noch?

Um elf waren Stefan und Martin da. Stefan wurde von mir eingespannt, um meinen ausgedachten Apéro zu mischen und zu servieren: 1/3 Zitronenlikör selbst gemacht, 1/3 Weisswein, 1/3 Sprudelwasser, 1 Eiswürfel mit Orangenstück. 

Apéro im Garten samt Hund an der Leine. Dann Mittagessen am grossen Stubentisch. Verdauungsspaziergang, Dessert.

Und da passierte es: Die Grossmutter (ich) wollte das Backblech in den Schüttstein stellen, über den Kopf von Kaya hinweg.  Aus grossem, schrecklichem Versehen begoss sie ihre Enkelin mit ganz viel Bratensaft vom Lamm. Wääähhh!!! Braune Sauce über zitronengelbes Shirt. Kaya war sehr, sehr gnädig mit mir. Aber ich mag nie wieder eine Lammkeule braten. Jetzt ist Schluss mit dieser Tradition. 

Sonntag, 5. April 2026

Osterspaziergang

 Wenn eine schon so alt ist wie ich, assoziiert sie zu tausend Dingen nochmals tausend Dinge: Wir haben heute Morgen einen wunderschönen Osterspaziergang gemacht. - "Osterspaziergang" ist das Gedicht von Goethe, das mein Götti alle Ostern deklamiert hat:

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, 

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,

im Tale grünet Hoffnungsglück...

In der Finsterthüele, in Brittnau, in Winterthur. Als er jünger war, älter wurde, alt war. Jetzt ist schon sein Grab aufgehoben worden nach 25 Jahren Grabesruhe. Er ist mir nahe  > "vom Eise befreit...".

Wenn eine so  alt ist wie ich sind Schlüsselblümchen nicht einfach Schlüsselblümchen: Sie wachsen am Hang unterhalb des Bauernhäuschens von Grossmutter Widmer, die mir die liebste war. Aber sie wachsen auch auf dem Weg nach Stein am Rhein, wo Reto und ich sie vor zwei, drei Jahren entdeckt haben. Und sie wachsen am Tösstobelweg, wo wir sie heute gesehen haben. Wo Reto oberhalb das gelbe Haus gesehen hat, wo er gern wohnen würde. Er meint, dort würde es auch unserem alten Kater gefallen. - Ich bleibe, wo ich bin, gerne bin. 






Samstag, 4. April 2026

Tradition, sagt mein Mann

 Tradition verspricht "the same as every year" (dasselbe wie jedes Jahr). Tradition gibt Sicherheit. Tradition ist oft schön, aber manchmal fragwürdig. 

Reto und ich haben heute eine Lammkeule von 3kg370g nach Hause gebracht. Wahnsinn, sage ich. Tradition sagt mein Mann. Und ist doch wahr, seit einigen Jahren gibt es bei uns einen Lammgigot an Ostern, wo die ganze Familie um den grossen Tisch sitzt. Wer nicht gern Lamm isst, bekommt Poulet. Auch Tradition.

Die Grossputzerei von heute ist auch Tradition. Vor Weihnachten und Ostern wird geputzt. Aber nicht mehr jeden Freitag; diese Tradition haben wir gekippt. Traditionen dürfen wegfallen. Traditionen kann man neu erfinden. Ab wie oft ist es Tradition?

Tradition kann auch heissen: "Ich möchte gern, dass du wieder eine Lammkeule im Ofen brätst." - Tu ich ja! Wie oft noch? Vielleicht beginnt nächstes Jahr eine neue Tradition. 

Freitag, 3. April 2026

Gesehen...

Es gehört zu dem, was wir lieben: Irgendwo sitzen und Leute beobachten, die vorübergehen. Dazu braucht es einen strategisch guten Platz, einen Platz, wo Menschen zuhauf unterwegs sind. - Wir waren auf dem Friedhof und haben meinem Mami Stiefmütterchen gebracht. Wir haben uns angeschaut, wie das Gräberfeld aussieht, das aufgehoben wurde. Kein Grab mehr von meinem Götti. Echli traurig.

Trost fand ich am strategisch guten Ort, wo wir je an einem  Aperol Spritz nippten und schauten. Wir sahen:

  • das kleinste Hündchen der Welt mit buntem Wintermäntelchen
  • eine junge Frau in kurzen Hosen mit stämmigen Beinen
  • einen jungen Mann mit schwarzen überweiten Hosen, die flatterten, als er vorbei ging
  • ein Kindchen mit rosa Mäschchen auf dem Köpfchen, das einen grossen, dunkelroten Sirup trank
  • einen Mann mit schwarzen Nietenhosen , schwarzer Lederjacke und schwarzem Blick
  • eine junge Frau mit einer so bunten Jacke, wie ich sie auch gern hätte
  • eine Frau in schwarzen Leggins, die ihre dünndünnen Beine vorführte
  • einen jungen Mann mit Wuschelkopf vom Fröhlichsten
  • und noch viel mehr
Übrigens schauten wir uns gegenseitig sehr überrascht an, als der Kellner die Rechnung brachte: Zwei Aperol Spritz ohne ein Hämpfelchen Chips oder ein paar Olivchen oder zwei, drei Nüsschen:                      Franken DREISSIG!