Dienstag, 23. Juni 2026

Zahl des Tages: Dreihundertfünfzig

 Ich habe Wasser in den Garten getragen. Unsere Spritzkanne ist grüner Plastik und fasst zehn Liter. Ich habe unseren Pflanzen 35 Kannen voll Wasser gegeben. Viele Insekten sind gekommen und haben sich auch bedient am Segen. Die angriffige "Rossbräme" (Pferdebremse) hat meinen Kopf nur kurz umflogen; ich musste diesmal nicht flüchten.

Habe ich etwas zurück bekommen? - Zum Beispiel die gelbe, grosse Kürbisblüte, die über Nacht aufgegangen ist. Auch die Schokoladeblume hat eine neue Blüte. Ausserdem habe ich den Mauerseglern hoch in der Luft bei ihrem harmonischen Flug zugeschaut. Der Milan kreiste über uns, und ich riet unserem alten Kater, sich vorzusehen. In der Nähe hörte ich einen Girlitz, dessen Stimme mir Freund Sepp kürzlich aufgezeigt hat.

Als ich ins Haus zurück ging, war ich nicht etwa erfrischt sondern durchgeschwitzt. Zu den 350 Litern Wasser kommt noch ein Liter, den ich zu einer Ganzwaschung benötigt habe.

Montag, 22. Juni 2026

Ich habe es wieder getan

 Ein Buch mit 475 Seiten fertig gelesen. Von John Grisham, dem amerikanischen Schriftsteller, der nicht verwunderlich, vor allem Justizthriller schreibt. Nicht verwunderlich, weil er selber Anwalt war und das Metier also sehr gut kennt.

"Das Vermächtnis" ist in diesem Jahr deutsch herausgekommen. Sein neustes Buch?! - Der Anfang hat mich nicht begeistert; ein kleiner Anwalt will sich an einer alten Dame selbst bereichern. Alles ein bisschen mickrig, fast schmuddelig und unsympathisch. Aber dann wurde der Anwalt angeklagt, die alte Dame ermordet zu haben. Ab jetzt war ich dabei. Natürlich verrate ich den Ausgang der Geschichte nicht.

Manchmal lohnt es sich durchzuhalten. Bei Büchern und bei was sonst noch! Ich bin reicher an Erfahrung und Menschenkenntnis, weil ich den kleinen Anwalt Simon kennen gelernt habe. Er ist am Ende des Buches nicht mehr klein, sondern der Held seiner Geschichte. Wie es sich gehört!


Sonntag, 21. Juni 2026

Am Sonntagmorgen der Anruf

(Fast) jeden  Sonntagmorgen nach neun Uhr ruft unser Sohn an. Ich glaube, das hat er angefangen, als ihm bewusst wurde, dass wir alt geworden sind. Er will die Zeit mit uns noch ein wenig auskosten. Und wir lieben diese Telefongespräche!

Wir wissen, dass er und sein Partner um zehn Uhr die Radio-Sendung "Persönlich" anhören wollen. Wir halbieren also unsere Sprechzeit gerecht. Fast immer jedenfalls. Mein Ehemann überbordet manchmal. Kommt zu keinem Ende, und ich stehe schon fast hinter ihm, reisse ihm fast den Hörer aus der Hand, will jetzt, bin dran! (Vielleicht sagt er dasselbe von mir.)

Manchmal hat Reto schon alles erzählt, was in der Woche war. Ich weiss nichts mehr (Neues). Aber dann erweist es sich wieder, dass mein Sohn und ich ein Thema haben, die nur uns gehört: Wir reden über Bücher. 

Stefan verkauft fünf Tage in der Woche Bücher, und er liest viele Bücher. Seit einiger Zeit in französischer oder englischer Sprache. Dafür bewundere ich ihn. - Ich bin eine Bücherfresserin. Seit ich pensioniert bin, lese ich wöchentlich mehr als ein Buch. - Mein Sohn und ich tauschen uns dann über die gelesenen Bücher aus. Wenn ich denn noch herstaggeln kann, wie meine Autoren und Titel heissen/hiessen. 

(Fast) jeden Sonntag nach neun Uhr ruft unser Sohn an. Welche Freude!

Samstag, 20. Juni 2026

Mutprobe der anderen Art

 Eine beeindruckende Mutprobe ist das bangee-jumping; ich würde es niemals in Erwägung ziehen. Auch keinen Flug mit  dem Delta-Segel. Und nicht einmal einen weiteren Flug mit einem Flugzeug; drei  habe ich hinter mich gebracht. Einmal Griechenland, zweimal Chile zu meiner Freundin, die glücklicherweise wieder in der Schweiz lebt.

Für viele ist das Sprechen vor einer grösseren Anzahl Menschen eine Mutprobe. Das war es für mich sehr lange auch. Aber ich habe geübt und geübt, indem ich gepredigt habe als Theologin. Es wurde leichter mit der Zeit. Ich erinnere mich an einen Alpgottesdienst, wo es mir richtig Spass machte, mich politisch auf die Seite der Älpler und Bauern zu stellen: Der Milchpreis muss erhöht werden!!!

Vor einer halben Stunde habe ich eine ganz andere Mutprobe gemacht: Ich bin in den sehr, sehr heissen Garten gegangen und habe dafür gesorgt, dass alle drei Wasserstellen für allerlei Tiere neu befüllt wurden. Ich habe nach meinen zarten, vernachlässigten Pflänzchen geguckt, ob sie noch leben. Kurz - eine Mutprobe für eine Siebenundsiebzigjährige besteht darin, die Hitze zu bestehen und nicht in Verzweiflung zu geraten ob der Klimaerwärmung.

Freitag, 19. Juni 2026

Nein, keine Setzlinge kaufen

 Wir waren auf dem Markt und haben die Wärme gut ausgehalten. War ja auch Morgen. Aber es hatte deutlich weniger Leute als sonst am Freitag. Viele sind wohl vorsorglich zu Hause geblieben. Oder in der Badi abgetaucht.

Wir haben unseren Turnus auf dem Markt: Wir beginnen am Käsestand und kaufen Milch, Rahm, Butter und Käse, je nach Bedarf. Später begegnet uns "unser" Surprise-Verkäufer aus Eritrea. Wir mögen ihn, schwatzen ein paar Sätze mit ihm, und ich bin gespannt auf die Lektüre des neuen Heftes. Surprise ist gut gemacht, hat Themen, die mich interessieren und ist klug geschrieben. Die acht Franken pro Heft sind doppelt gut investiert. Der Verkäufer bekommt die Hälfte des Verkaufspreises.

Ich will dann unbedingt zum kleinen Hof-Stand mit dem fröhlichen Bauern. Heute haben wir Salat bei ihm gekauft. Bei Reto Meier, Permakultur-Hof, erstanden wir wieder Mönchsbart. - Ehemann Reto ist immer wild auf neue Blumen. Heute habe ich ihm abgeraten, Geld in die Hitze zu setzen. Zwei Tagetes wurden es allemal.

Im Kaffee "Alltag" genoss ich einen Caffe freddo; Reto sagte, er bleibt auch bei 40° beim Café Crème.

Donnerstag, 18. Juni 2026

Ich bin zufrieden mit mir

"Glauben Sie ja nicht, dass es halt im Sommer normalerweise heiss ist; wir haben früh im Jahr eine ausserordentliche Hitze." - So fast wörtlich sprach der Meteo-Mensch gestern Abend und feuerte meine Sorgen ums Klima noch an. Heute Morgen am Radio sprach ein Bauernvertreter sehr ernst über die möglichen Folgen einer anhaltenden Hitze. Die Kartoffeln wachsen nicht mehr weiter, die Erbsen werfen die Blüten ab...Ich dachte an Hungersnöte in fernen Zeiten auch in der Schweiz. 

Aber ich hatte ja gestern beschlossen, dass zu leben ist! Auch bei Hitze. Zu leben, nicht zu verzweifeln.

So arbeitete ich zuerst eine Stunde lang im Garten. Wasser tragen. Verblühtes abschneiden. Drei vergessenen Salätchen gut zureden und sie einhüllen mit guten Kräutern. Vogelarten zählen, die ich zu Gesicht bekam. Mich freuen über die Spatzen, welche die Vogeltränke besuchen. Die Königskerze bewundern, die täglich mehrere Zentimeter in die Höhe wächst.

Dann schnappte ich mir meinen Einkaufszettel für die Stadt und wagte mich mutig hinaus und hinein in die Läden, die all meine Wünsche erfüllten. Ganzen Zettel abgearbeitet. Die Hitze noch nicht arg gefunden. Um Viertel vor zwölf Uhr war ich wieder zu Hause. Und jetzt bin ich ganz zufrieden mit mir. Ich habe mich der Welt gestellt.   

Mittwoch, 17. Juni 2026

Die Hitzewelle beginnt

 So viel Hitze ist prognostiziert für die nächsten Tage - soll ich mir Sorgen machen? War es früher nicht auch manchmal ganz schön heiss? - Zum Beispiel beim Heuen in der Finsterthüelen. Zum Beispiel in meinem Dachschulzimmer, als ich Kleinklassen-Lehrerin war. Zum Beispiel im Zelt in südlichen Landen.

Das Leben fand damals auch statt mit Hitze. Sie gehörte einfach zum Sommer. Wir jammerten nicht, machten weiter. Tranken mehr. Stellten unsere Füsse in kaltes Wasser. Hielten die Unterarme unter den kalten Wasserstrahl. Gingen in die Badi. Und wünschten uns keineswegs den Spätherbst herbei.

Das tue ich jetzt auch: Kühlen Tee trinken und mich freuen auf die Aareschlucht. Wir haben heute Morgen eine Einladung dorthin bekommen. Zwar erst Ende Juli, aber die Vorstellung, die Erinnerung an die Aareschlucht, wo ich schon war, wo ich sein werde kühlt mich angenehm ab.