Mein Ehemann Reto ist unstet. Das muss der Frühling sein. Gestern ist er per Zug bis Domodossola gekommen und hat mich von Locarno als Kamelienkönig gegrüsst. Heute Morgen haben wir zusammen eingekauft und dann schön grilliert im Garten. Aber das reicht nicht. Er ist aufgebrochen, um in Gartencentern allergattig Sämereien und was weiss ich sonst noch zu suchen. Derweil habe ich nur den Rosmarin von seinem Winterschutz befreit. Ach, riecht er guuut, der Rosmarin! Und in meinem Zimmer riecht es auch gut. Einerseits vom Grillfeuer; am Schluss legen wir jeweils, so lange wir haben, ein Kräuterbündel auf die Restglut. Andererseits von der blauen Badekugel mit gelben Sternen, die mir Reto zum Geburtstag geschenkt hat. Aber überhaupt riecht das Leben wieder viel besser, seit der Frühling wirklich und wahrhaftig da ist. Ich muss noch ein wenig auf Touren kommen, während Reto losstürmt wie ein Stierkälbchen, das nach der Winterstallung erstmals auf die Wiese darf.
Samstag, 23. März 2019
Freitag, 22. März 2019
Und jetzt unter den Baum
Ich habe alle Geburtstagskarten nochmals ganz intensiv gelesen - und gleichzeitig um den Buben getrauert, der von einer alten Frau niedergestochen und getötet worden ist. Was gibt es unschuldigeres als ein Kind, harmloseres als eine alte Frau? - Und jetzt diese Mischung aus Freude und Trauer. Ich gehe damit unter den alten Baum. Nichts weiter zu sagen heute.
Donnerstag, 21. März 2019
Ersten Punkt abhaken
Heute ist recht viel los oder zu tun. Ich war schon im Feldenkrais Training und habe erlebt, dass ich einen Schultergürtel habe. Den kann man drehen mit und ohne Kopf, mit den Knien oder ohne und mit der Hüfte oder ohne. Alles gedreht und gelassen, bis ich fast durchgedreht bin. Letzte Übung schlicht nicht verstanden, aber ich bin ja noch neu. Da ist Hoffnung. - Jetzt geht es ans Kochen für und gegen die liebe Enkelin, die wie alle (?) Kinder nicht alles mag. Aber wir kommen schon klar. Bestimmt. Spätestens beim Dessert. - Später darf ich das Holz aufbeigen, das heute Morgen gekommen ist. Ich mache das liebend gern. Holzscheite zu einer ansehnlichen Beige stapeln. Mit und ohne Kaya. Ich weiss noch nicht, ob sie helfen will. Magari wohl (Wahrscheinlich schon im Sprech meiner Schwiegermutter). - Dann sehen wir weiter.
Mittwoch, 20. März 2019
70 years Candida Zahnpasta
Ich räume mein Fest auf. Das macht Freude und bringt mich auch zum Lachen. Zum Beispiel die Zahnpasta, die ich geschenkt bekommen habe > "erfrischt auch heute". Wird wohl immer wichtiger, mich zu erfrischen, genug zu trinken, meinen Körper zu pflegen, meine Glieder in Schwung zu halten und nicht zuletzt meinen Geist zu fordern, damit er frisch bleibe. - Besonders gerne räume ich die Schokolade auf, die ich bekommen habe. Schwarz mit Himbeeren. Musst du "süggelen", dann kommt das Himbeeraroma am besten zum Zug. Die ausgeblasenen und bemalten Hühner- und Gänseeier werden um Ostern herum ihren Auftritt bekommen. Nur so viel: Ich habe schon immer gesagt, Leandra ist eine Künstlerin. Ich bleibe dabei. - Gutscheine, die ich bekommen habe, sind ohne schnelles Verfallsdatum. Ich darf sie ein bisschen hüten und mich darauf freuen, sie später einzulösen. Doppelte Freude. - Später am Tag mache ich mich hinter die Karten und Briefe: Alles wieder und wieder lesen. Eventuell beantworten, aber jedenfalls mir zu Herzen nehmen.
Dienstag, 19. März 2019
Ein Tag danach
Jetzt bin ich im einundsiebzigsten Lebensjahr. Und? - Ich bin voller Freude über die letzten beiden Tage. Besuche, Geschenke, Karten, Facebookeinträge. Alles, alles freut mich und gibt mir eine Energie zum Tanzen. Im Dreivierteltakt in die Stadt, um eine Freundin zu treffen, die mir Tulpen mitgebacht hat. Auf dem Grossmutterschrank in meinem Zimmer liegt alles durcheinander. Das Aufräumen wird Spass machen. Ich pflege meine Blumen fast so gut wie meine Beste Freundin jeweils die ihren. Zurückschneiden, Verblühtes entfernen, frisches Wasser. Aber jetzt kommt unsere Enkelin. Da blüht mir eine andere Zeit. Rollenspiele? "Bäbele"? In den Garten gehen und um den "falschen Baum" rennen? (Der richtige ist der alte Ahorn, aber um den kann man nicht rennen.)
Montag, 18. März 2019
Ein kleines Schlaraffenland
Schon gestern habe ich eingeladen zu meinem heutigen runden Geburtstag. Ein kleines Schlaraffenland wollte ich zaubern für meine Familie. Jenseits aller ethischen Ansprüche, denen ich sonst hinterher hechle. Himbeeren von Spanien. Kalbfleisch im Überfluss. Rahm literweise. Aber dann bin ich krank geworden. Zu meiner grossen Überraschung. Himbeeren im Kühlschrank zur rechten Zeit vergessen. zu viel Säure an der Rahmsauce. Wo doch meine Gewährsköchin Samin Nosrat mahnt, alles in der Balance zu halten. - Aber wenn man gar nicht schmeckt, was man kocht? Schlaraffenland ade, mein Traum für einen Tag! - Überhaupt! Das gute Leben, das ich anstrebe - ist es je zu haben? Brüchig, alles brüchig, ich auch. Dünne Haut über allem. - Und doch! Immer neu aufbrechen und würdigen, was mir blüht. Nichts missachten. Die Zeit wertschätzen, die mir bleibt. Aufrecht oder gebeugt. Einen neuen Jahrring beginnen. Versuchen will ich ihn. (nach Rilke)
PS. Grosse, grosse Überraschung! Ausser anderen lieben Menschen haben mich heut Nachmittag vier aus dem Urner Oberland besucht. Freude herrscht!
PS. Grosse, grosse Überraschung! Ausser anderen lieben Menschen haben mich heut Nachmittag vier aus dem Urner Oberland besucht. Freude herrscht!
Samstag, 16. März 2019
Ahorn, ich komme
Nur noch schnell ein bisschen abstauben; wir haben morgen Besuch. Nur noch schnell zwei, drei Sachen dorthin legen, wo sie hin gehören. Bäbinuggi. Flohspiel. Einen Salbeitee angiessen; der Hals kratzt. Aber dann! Dann setzte ich mich unter den Ahorn an die Sonne und schreibe ein bisschen was. Schreibe, wie es war, eine junge Erwachsene zu sein. Wie es war, zwanzig zu werden, jetzt, wo ich siebzig werde. - Oh, ja, ich war einmal zwanzig! Seither ist viel geschehen. Das Wichtigste aber: Ich glaube nicht mehr jedem alles. (Hier darf laut gelacht werden!)
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