Mittwoch, 30. April 2014

Sätze eines 83-Jährigen (Fritz J. Raddatz, Verleger, Schriftsteller)

Ich beschäftige mich womöglich allzu sehr mit meinem Altwerden. Aber was vor mir liegt, will ich rechtzeitig bedenken. Deshalb lese ich auch gern von anderen älteren Herr- und Damenschaften. Diesmal wieder im Tagesanzeiger-Magazin (17/ 2014). Hier ein paar "drollige" Aussagen von dem streitbaren, selbstironischen Herrn Raddatz:

  • Je älter man wird, desto besser war man früher.
  • Ich gebe keine Einladungen mehr, mein Telefonbüchlein ist voll mit Toten.
  • Viele Alte wirken, als sässe ihnen der Kopf falsch herum auf den Schultern, sie schauen zurück statt nach vorn.
  • Das eigentlich Dramatische am Alter ist der rapide auf null gehende Neugierpegel.
  • Dürrenmatt empfahl, das Leben als Komödie zu sehen, aber der Mann war, wie wir alle wissen, etwas dumm. Man kann manches grauslich komisch finden, aber das Leben ist keine Komödie.



Dienstag, 29. April 2014

Ein letztes Mal...

Nochmals, aber zum letzten Mal, "Die Liebe in den Zeiten der Cholera". - Ich habe das Buch mit ungläubigem Staunen zum zweitenmal fertig gelesen.

Florentino Ariza liebt Fermina Daza ein Leben lang. Davon 53 Jahre lang von Ferne, aber unbeirrt. Und sein grösster Wunsch erfüllt sich, wenn auch sehr spät, dass seine Liebe erwiedert wird. Und sie wird es auf einem Flussschiff. Zu den Zeiten der Cholera (=Pest) hissen sie auf dem Schiff die Cholera-Flagge und können dann nicht mehr an Land. Aber das wollen sie auch gar nicht, weil sie an Land ihre Liebe nicht zu leben wüssten, auf dem Schiff aber schon:

" Das Fest auf dem Wasser hatte ein eigenes Dach. In jener Nacht stieg Fermina Daza unter den Ovationen der Mannschaft in die Schiffsküche hinunter und kreierte für alle ein Gericht, das Florentino Ariza für sich Liebesauberginen taufte.

Tagsüber spielten sie Karten, assen bis zum Platzen und hielten steinerne Siestas, aus denen sie erschöpft erwachten, kaum aber war die Sonne untergegangen, liessen sie die Kapelle aufspielen, assen Lachs und tranken über den Durst hinaus Anissschnaps.

In einigen Dörfern wurden barmherzige Böllerschüsse für sie abgegeben, um die Cholera zu vertreiben, und sie dankten mit einem traurigen Tuten.

Der Kapitän fragte: Was glauben Sie, wie lange wir dieses Scheiss-Hin-und Zurück durchhalten können?" - Florentino Ariza sagte: "Das ganze Leben."


Montag, 28. April 2014

Mit dem ganzen Gewicht


Dieses kleine Büchlein habe ich nachträglich zum Geburtstag geschenkt bekommen. Auf  22 Doppelseiten zeigt es mir in Wort und Bild, worauf es ankommt, dass mein Leben glückt. - Es beginnt mit der Schwerelosigkeit. Mit der Leichtigkeit eines Schmetterlings soll ich durch das Leben schweben. (Ist ein bisschen schwierig mit meinem Gewicht, das ich keinem verrate.) - Sehr gut gefällt mir der Vergleich der Welt mit einer Schatztruhe. Es wird mir verheissen, dass ich täglich Schönes entdecken kann. (Augen auf, Herz, Mund und Ohr! Ja, ich bin auch der Meinung, dass es sich lohnt, Schönheit zu suchen und zu finden. Schon in der Bibel heisst es: "Wer suchet, der findet!") - Was mir enorm auffällt in den Tagen des Regens (heute ist der zweite, und es kommen noch mehr.): Auf allen 22 Seiten des Büchleins ist gutes Wetter. Überall ist es trocken, noch wo von dunklen Stunden die Rede ist. - Ein bisschen einseitig, das Büchlein. Ein bisschen Schönwetterpsychologie. Da bleibt mir nur "in mir selbst zu ruhen", wie die letzte Doppelseite rät. Mit so einem hübschen, kugelrunden Kauz auf einem dicken braunen Ast. So lasst uns ruhen - in uns selbst. Mit unserem ganzen Gewicht.

Sonntag, 27. April 2014

Sauwetter

Das Wetter ist ein unerschöpfliches Gesprächsthema. Für uns kommt zurzeit dazu, dass Tocher Judith mit family in den Ferien weilt. Und da werden wir ganz und gar altruistisch; nicht unser Wetter ist wichtig, sondern ihr Wetter. Aber wir können die ganze Schweiz meteorologisch absuchen, wie wir wollen, ausser Montag und Dienstag trocken mit Sonne, aber kühl in der Westschweiz, gibt es keinerlei gute Nachrichten an der Wetterfront. Auf dem Zeltplatz mit einem kleinen Kind ist es bald einmal so, dass die Ferienlaune den Bach hinunter geht. Judith jedenfalls hat schon genug von einem Regentag. Und ich weiss genau, von wem sie das hat, sitzt doch unweit von mir ein etwas verstimmter Ehemann auf dem Sofa vor dem TV. Er hat schon so genug von diesem überaus garstigen Wetter. Es könnte jetzt endlich einmal besser werden. Und überhaupt. - - - War es nicht gestern recht schön, und wir konnten auf dem Sitzplatz unser Mittagessen geniessen und später den Apéro bei Freunden auf deren Sitzplatz?! - Hat mein Ehemann schon vergessen. Heute ist ein Sauwetter!

Samstag, 26. April 2014

Was ist Wirklichkeit?

Ich lese, seit ich auf Weihnachten 1956, noch in der ersten Klasse der Primarschule, das Buch "Die fünf kleinen Igel" bekommen habe. - Ich lese und lese - und lese in meinem Rentnerin-Status noch mehr als zuvor. (Ich will mich nicht in unserem kleinen Rentnerbiotöpchen genügsam einrichten, sondern an die Welt angeschlossen bleiben. - Da hilft das Lesen.)

Am liebsten lese ich, was Menschen von sich erzählen. Möglichst ehrlich und offen - authentisch, wie sich das nennt. (So möchte ich gern auch selber schreiben.)

Ich bin keine Blocher-Anhängerin. - Das ist kein Geständnis, sondern eine nüchterne, erprobte Feststellung. Aber gerade habe ich im "Tagi-Magi" vom 25. April mit Interesse einen ehrlichen und offenen, eben authentischen Artikel "of himself" gelesen, in dem er sich der Frage stellt: "Wer oder was hat uns geprägt?" - Seine Antwort lautet nach vier Seiten  der persönlichen Ausführungen: "Es war die Fülle des Lebens - eben die Wirklichkeit."

Wirklichkeit?? - Diese beurteilen Herr Blocher und ich dann aber doch sehr unterschiedlich.

Freitag, 25. April 2014

Wenn man nicht mehr zweimal täglich die Mails abfragt

Ich bin ja nicht mehr so gefragt, war es vielleicht nie, aber es machte den Anschein, als ich noch berufstätig war. Jetzt brauche ich kaum mehr ein Nantel. Der Festnetzanschluss läutet für Reto, wenn er läutet. Das macht nix. Kann mich ja selber melden, wenn ich eineN hören will.

Wenn ich dann aber doch ein Mail bekommen habe, kommt es mir zu spät unter die Augen. So heute, wo ich dem Mail von gestern begegne und deshalb zweimal in die Stadt reise. - Am Morgen Wochenendeinkauf auf dem Markt und Bücher holen in der Bibliothek. - Heute Nachmittag gehe ich dann nochmals los, weil meine Freundin gestern gefunden hat, ich könne ja die Bibliliothek mit einem Kaffeeklatsch mit ihr verbinden.

Wie gesagt, ich habe das Mail gestern nicht gesehen, aber diese verrückte Frau ist schon losgereist nach Winterthur. Hilfe, ich muss den Fahrplan konsultieren...

Donnerstag, 24. April 2014

Nochmals Gabriel Garcia Marquez

Der Sommer ist da - ich fühle mich neugeboren. Im Garten wächst die Minze so überbordend, dass ich auf der Suche bin nach Pfefferminzrezepten. Die Salbei wird sich nächste Woche zu "Müslichrütli" oder Salbeimäuschen hergeben müssen. Der Schnittsalat kann geschnitten oder gepflückt werden (was ist der Unterschied zwischen Schnitt- und Pflücksalat?).

Morgen gehe ich wieder einmal in die Stadtbibliothek, obschon "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" noch nicht ausgestanden (ausgelesen) ist. Einem Satz bin ich gestern in besagtem Buch begegnet, der zum neuen Sommergefühl passt:

"Der Onkel war noch darüber verärgert, wie Florentino Ariza die gute Stellung eines Telegrafisten in Villa de Leyva ausgeschlagen hatte, liess sich dann jedoch von seiner Überzeugung leiten, dass die Menschen nicht immer an dem Tag geboren werden, an dem ihre Mütter sie zur Welt bringen, sondern dass das Leben sie dazu zwingt, sich noch einmal oder auch mehrere Male selbst zu gebären."

Das ist wirklich ein einziger Satz!