Mittwoch, 8. Oktober 2014

Warten

Katze Peppina stiefelt durch das hohe Gras. Schritt für Schritt vorsichtig Bein hochziehen und wieder abstellen. Möglichst wenig nass werden. Langsame Suche nach Tagesaktivitäten. Sie war ja die ganze Nacht draussen.

Reto kann den Rasen noch nicht mähen, weil er zu nass ist. Wartenderweise geht er dafür einkaufen. Will Sachen "posten", die ich stehen lassen oder aufschieben würde. Putzmittel. Aktionszeug.

Ich warte auf das pulsierende Leben, das in eineinhalb Stunden beginnt. Judith und Kaya kommen. Ich werde kochen, spielen, Kaffee trinken, abräumen, aufräumen, Neues hervorzaubern, mich freuen, mich abrackern, lebendig sein. Wenn genug gewartet ist.

Montag, 6. Oktober 2014

Schon, schon, schon

Eigentlich alle Leute, die ich kenne, klagen, dass die Zeit so schnell vergehe. Schon sei es wieder Herbst. Bald komme der Winter. - Mein Mann sagt: "Schon muss ich die Zehen- und Fingernägel wieder schneiden. Wachsen die eigentlich schneller als früher?"

Was bleibt von der Zeit, die angeblich so schnell vergeht? Und was wäre, wenn sie nicht schnell vergehen würde?

Auf dem Tisch steht der bunte Teller, den uns die Frauen vom Urner Oberland geschenkt haben. Er steht und steht und erinnert mich zuverlässig an den Besuch der lauten, lustigen, geliebten Frauen und ihren Fahrer. Die Zeit bleibt einen Moment stehen, wenn ich den kleinen grünen Kürbis und die allergattig Gemüserchen drumherum betrachte.

Daneben steht eine halbvolle Rotweinflasche. Auch ein Geschenk. Von gestern. Soll heute ausgetrunken werden. In Musse. Ohne dass die Zeit eilt.

Haben wir es ein bisschen selbst in der Hand, wie wir die Zeit erleben? Können wir sie anhalten? Können wir ihr einen Rhythmus geben? Können wir ihr Glanzpunkte abtrotzen? Oder sind wir dem "Schon, schon, schon" unterworfen. Ausgeliefert? - Die Zeit geht immer gleich schnell.

Überhaupt - sind es wirklich Klagen von uns, dass die Zeit so schnell vergehe, oder sind wir nicht froh, dass wir uns nicht langweilen müssen? Froh, dass uns die Zeit so und so viele Vorsätze zunichte macht, weil sie darüber hinweg fegt und schon Neues am Horizont aufscheint? - Die Zeit vergeht kaum mehr, wenn wir alt und unbeweglich im Körper und im Geist werden. Dann bleibt sie scheinbar stehen. Aber jetzt? - Schon ist es nach zehn Uhr morgens. Schon müsste ich die Fingernägel schneiden. Und es ist allerhöchste Zeit, den Tag zu planen.

Sonntag, 5. Oktober 2014

Vier anstelle von hundert

Es ist erneut bewiesen, dass ein paar Leute meinen Blog lesen. Will man ja auch, sonst würde man in ein papierenes Tagebuch schreiben. Tu ich darüber hinaus ausserdem. - Also, es ist bewiesen. Ich habe nämlich heute vier Gewürzgläschen bekommen, deren Inhalt von weit her kommt, nämlich von Israel.

Zimt und Kardamon, gemahlene Minze und Curry scharf. Ist das nicht ein halbes Gedicht? - Machen wir ein ganzes draus:

Zimt und Kardamon, gemahlene Minze und Curry scharf
die Weltenköchin auf die Erde warf.
Curry scharf, Minze fein, Kardamon und Zimt,
dafür und damit die Menschin an die Herdplatte springt.

Wenn ich nächstesmal koche, dann soll Monis Curry-Saucen- Rezept zum Zuge kommen:

Zwiebel und Knoblauch gelb anbraten, Curry zugeben, 2 Minuten köcheln, mit Bouillon ablöschen, 1 Stange Zimt dazu, aufkochen, 1/2 Glas Orangensaft, aufkochen, verdicken (Mehl, Kokosmilch...). Mit Reis, Kartoffeln und gebratenen Bananen.

Aber so ein Currypulver, wie ich ein Currypulver habe, hat nicht schnell eineR ein Currypulver. Hirnverbrannt!! Scharf!!

Samstag, 4. Oktober 2014

Wenn ich Geburtstag hätte

Das habe ich gewusst, dass die Globus-delicatessa in Zürich neueröffnet. Eigentlich ist das nicht mein Laden. Ich verzweifle, wenn ich aus soooo vielen Tees den einen auswählen soll, wenn die Käsetheke unendlich lang und das meiste viel zu teuer ist für mich. Aber die Gewürze!!! So viele Gewürze aus aller Welt! - Ich will rein gar keine Weltreise machen, aber ich verstehe gut, dass Gewürze in früheren Zeiten Gold wert waren, dass es eine Gewürzstrasse gab, die den fernen Osten mit dem mittleren Westen verband, dass frau ihren Liebsten mit Zimt- und Nelkenduft betören wollte, statt ihm täglich Salzkartoffeln vorzusetzen.

Flattert also heute eine Sonderbeilage unserer Zeitung ins Haus über die neue Globus-delicatessa. - Alles kann ich mir mit ruhigem Puls ansehen, bis ich auf die Seite "100 Herbs and Spices" gerate. - Uuuuhhh, da kann frau für nur Franken 99.90 hundert "populäre Einzelgewürze und Mischungen in handlichen Portionen" erwerben. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Meine Augen schweifen ab in ferne Fernen. Meine Nase zieht ungeahnte Düfte ein. Mir wird schwindlig vor lauter Wünschen.

Wenn ich Geburtstag hätte... - Aber er hat Geburtstag in diesem Monat, mein lieber Ehemann, und er hat andere Wünsche. Seine verwirklichen zu helfen ist auch schön. Aber schöner wäre...

Wer Wünsche hat, ist lebendig. - Hurrah, ich lebe noch! Und lebe glücklich und froh, wie die Maus im Haberstroh. - Riechst du es, das Haberstroh??

Freitag, 3. Oktober 2014

Mobile Beichtstühle

Ich quäle mich seit Wochen, ja, seit Monaten mit wiederkehrenden Augenentzündungen. Wahrscheinlich eine Allergie, aber worauf? - Die Salbe der Apotheke hat alles nur schlimmer gemacht.

Ein James Graham Ballard soll eine Kurzgeschichte über einen Mann geschrieben haben, der eine Augenerkrankung hatte. Am Ende entschloss er sich, sein Augenlicht zu zerstören, um mehr zu sehen. (So weit bin ich nicht, komme ich nicht, aber ich frage mich...)

Sehen - unsere Gesellschaft gilt als Transparenzgesellschaft. Von morgens bis abends werden wir überflutet von Reizen. Wir lesen (Reto und ich) alle Zeitungen, die uns in die Hände kommen. Wir sind auf Facebook. Wir schauen fern. Plakatwände schreien ihre Botschaft aus. Wir sehen, sehen, sehen, ob wir wollen oder nicht.

Halt! - Die Augen kann man schliessen. Nicht aber die Ohren. - Entzündete Augen brauchen Ruhe und Dunkel. In mich gehen. Reize hinunterfahren. Und Facebook und Blog nicht als mobilen Beichtstuhl benutzen. Und schon gar nicht als Voyeurin auf alles linsen, was mir unter die Augen kommt!


PS. Den Ausdruck "Mobiler Beichtstuhl" habe ich im Tagi-Magi 39/2014
      beim Philosophen Byung-Chul Han entliehen.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Philosophia

Erste Philosophieprüfung an der Uni Luzern im Jahre 2000: "Was bedeutet das Wort Philosophie?" - "Liebe zur Weisheit", ist die richtige Antwort. - Ich konnte noch ein paar andere richtige Antworten geben, und so sagte Professor Ferber am Schluss zu mir: "Sie können logisch denken." - Das tat unsäglich gut, weil mein lieber Vater immer das Gegenteil behauptet hatte: "Frauen können nicht logisch denken."

Na ja, Tempi passati. - Erstaunt hat mich eine Notiz in einer meiner Lektüren: Eine junge, sehr gut aussehende deutsche Philosophin ist in einem grossen Spital angestellt zur Beratung von Patientinnen und Patienten. Keine Theologin sondern eine Philosophin! - Mir scheint das sehr logisch zu sein. Erstens sind viele Menschen heute den Kirchen gegenüber misstrauisch (mit Grund). Zweitens ist die Theologie als "Lehre von Gott" längst nicht mehr jedermanns und jederfraus Sache. Und drittens müssten wir zuerst diskutieren, welchen Gott wir meinen oder anrufen wollen. Nebst multikulturell ist unsere Welt auch höchst multireligiös geworden.

Das alles kann ängstlich machen. - "Wie leben wir das richtige Leben in einer massstabslosen Zeit, in der alles und jede Lebensweise möglich scheint?" das fragen sich laut Dr. Rebekka Reinhard viele Menschen. Sie sagt, es bedeute mutig zu sein, wenn eine wage, sich ihren Massstab selbst zu setzen und nicht einfach mache, was "alle" machen. Aber dieser Mut lohne sich, denn "nachhaltiges Glück wird immer aus dem Bewusstsein von Freiheit geboren."

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Bis Mitternacht

Den ganzen Morgen schon hatte ich Kaya gestern aufgezählt, wer alles zu uns zu Besuch kommen würde: Reinhard und Leandra und Marlen und Elisabeth und Greth und Brigitte und Maria. - Dann kamen sie, und unsere kleine Wohnung war voller Lachen. Wie immer mit dieser Gruppe von Gurtnellen Wiler. Wir tranken Weisswein und tranken Rotwein und assen Poulet à l'Estragon und schleckten Mouse au chocolat weiss und braun. Und wir lachten. Und wir redeten. Laut. Deutlich. Ehrlich. Alles wie immer (= wie fünf Jahre lang im Oberland bei den Sitzungen der Liturgiegruppe).

Kaya war mitten unter den Leuten und ass ihre ersten Paprika Pommes-chips. Und lehnte sich beim Essen immer wieder an Maria an, bevor sie zu ihrem Mami Judith hinüberkippte, schlafmüde von uns allen, aber zufrieden wie wir alle.

Nach einem Stadtbummel fuhr die Gruppe heim. Reto und ich blieben. - Aber der Tag war nicht zu Ende. Bis Mitternacht kamen Bilder und Lachen auf mein Handy > ich musste lachen, als ich sah, dass die Frauen noch bei Reinhard gelandet waren. Wir klamaukten weiter. Ich fand > siehe Kirchengesangbuch 689 "Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen." - Die Antwort kam postwendend > Kirchengesangbuch 600 "Schweige und höre".