In vier Wochen waren wir dreimal im Kanton Uri. Schade, dass die Reise so lang dauert; ich ginge noch öfter. 💓 Und doch bin ich froh, dass ich heute nicht unterwegs bin. Ein Tag ohne Maske. Nicht in meinem Gesicht und nicht in demjenigen von anderen, die ich beim Spazieren sehe. Gestern war es echli gruselig. So viele, viele Leute im Zug. Fast alle mit Masken. Meine Theorie, dass vor allem junge, rebellische Männer sich dem Gesichtsschutz verweigern, hat Risse bekommen. Oder Maskenfalten. Gestern waren es fast nur alte, eigensinnige Mannen, die gar keine Maske trugen oder die Nase frei liessen. Trotzige Runzelgesichter. - Ich werde neue Theorien entwickeln und mich weiter gruseln und meine Haare weiter wachsen lassen. Ich bin am liebsten zu Hause, aber nicht nur.
Mittwoch, 9. September 2020
Montag, 7. September 2020
Erneut Montag
Gestern Sonntag habe ich viel über vorgestern Samstag nachgedacht. An die Menschen gedacht, die wir bei einem Geburtstagsessen wieder einmal ganz wirklich sehen konnten. Ich durfte vis-à-vis des Geburtstagskindes sitzen. Sie habe ich am Schluss auch umarmt. Vernünftig oder nicht, manchmal muss etwas sein. - Alle zwölf Menschen kennen wir aus der Kirche. Und "Kirche" war auch ein Hauptthema. "Kirche" als Institution, mit der wir alle Mühe haben. Aber auch "Kirche St. Ulrich", die eine Heimat für viele ist. - Ich habe lange überlegt, ob ich von meiner Albe erzählen will, die ich verrissen habe. - Ich habe es getan. Erzählt. Und gefühlt, wie richtig es (für mich) war. Richtig und wichtig, ein Kapitel zu schliessen. Mit der Institution Kirche zu brechen. Dennoch aber nicht das Kind mit dem Bad auszuschütten. Ich bleibe vielen, vielen (Kirchen)Menschen verbunden. Heute Montag spüre ich vor allem Dankbarkeit.
Samstag, 5. September 2020
Hin und her gerissen
Die Stimmunterlagen für den 27. September liegen auf dem Pult. Ich habe mich kundig gemacht. Ich habe hin und her abgewogen. Ich habe mir meine Meinungen gebildet. Ich könnte zur brieflichen Stimmabgabe schreiten, wenn nur nicht diese Sache mit dem Wolf wäre. - Es nennt sich "Änderung des Jagdgesetzes". - Ich gebe zu, ich bin keine Freundin des Wolfes. War ich nie. Aber ich bin eine Verfechterin der Biodiversität. Da gehört der Wolf dazu. Soll man ihn verschärft regulieren dürfen? - Als Städterin müsste ich dagegen sein. Der Wolf hat seine Bedeutung in einem Gesamt. Sicher! Klar! - Aber ich lebte (nur) fünf Jahre im Urner Oberland. Ich habe das Meiental vor Augen mit seinen Schafen, die Göscheneralp mit den Geissen. Da und dort ist der Schutz der bäuerlichen Tiere vor dem Wolf schwer einzurichten. - Meine Stimmunterlagen bleiben vorerst liegen. Der Wolf ist schuld.
Freitag, 4. September 2020
So war es
Gummifäden zwar gestern gefunden, aber farblich assortierte Bändel sind viel schöner an den Bäbihüten. Kaya war zufrieden mit der Grossmutter. Die Grossmutter war zufrieden mit sich selbst.
Was sollten wir weiter tun? - Ich hatte da noch eine Frage: "Kaya, ich habe einst ganz viele Kugeln in verschiedenen Grössen und aus unterschiedlichen Materialien gesammelt. Du hast damit gespielt, als du klein warst. Soll ich sie behalten oder weiter geben?" - "Behalten. Können wir alle Kugeln in der Wohnung zusammensuchen? Wir spielen dann Ballschule." - Das Hütekind kam auch noch dazu. Wir suchten Bälle und Kugeln bis hin zu Baumnüssen und der Strumpfkugel. Auch die Kartoffel, die später in der Gemüsesuppe landete, durfte Ball in der Ballschule sein. - Die beiden Mädchen waren die Lehrpersonen. Reto und ich mimten die Schüler*innen. - Oh, war das streng! Bälle fangen, prellen, rollen, ständig in Bewegung. Aber auch schön war es und einfach superspannend, was die Kinder schon drauf haben an Ideen. Aber dann lockte der Opa des Hütekindes. Er spielte Akkordeon im Garten. Weg waren die Kinder. (Aber sie halfen aufräumen, zum Glück!)
Donnerstag, 3. September 2020
Wo sind die Gummifäden?
Keine Zeit für lange Geschichten. Kaya kommt zu Besuch. Sie will mit ihren Bäbis spielen. Umziehen, hinaus in den Garten mit ihnen... Ich soll den zwei Sonnenhütchen Gummifäden anmontieren...
Mittwoch, 2. September 2020
Das Steinchen
Ohne Brille sehe ich wirklich nicht mehr gut. Aber ich weiss, dass das graudunkle Knäuel mit Strichen dran wie Sonnenstrahlen eine Spinne an der Badzimmerdecke ist. Ich finde den richtigen Lippenstift im Schränklein. Nur, was ist der dunkle Punkt in der Badwanne? Schon zwei Tage rätsle ich brillenlos herum. - Insektenkacke? Gartenerde? - Heute habe ich ihn berührt, den dunkelgrauen Punkt: Ein Steinchen! Zwei Millimeter lang, eineinhalb breit, dreidimensional. - Wie kam das Steinchen in die Badwanne? Mit dem Schirm vielleicht, den wir da zum Trocknen aufspannen? - Es kam jedenfalls aus ferner, ferner Zeit auf dem Gletscherrücken daher. Wurde abgelagert. Heisst Sedimentgestein. War vielleicht viel grösser. Rollte in der Eulach herum. Verlor an Volumen, aber nicht an Schönheit. Kam mit uns nach Hause, als wir den Pegelstand der Eulach betrachten gingen nach dem grossen Regen. - Ich mag das Steinchen. Jedenfalls viel mehr als das eine Tierchen, das mit mir das Bett teilt. Bettwanze oder Katzenfloh? Ich lebe in Symbiose.
Dienstag, 1. September 2020
Hände in den Schoss
Ich werde am Samstag liebe und überaus tüchtige Frauen im Pensionsalter sehen. Die werden fragen: "Was machst du so?" - Sie meinen damit nicht, dass ich einkaufe, koche, Badzimmer regelmässig putze, gern die Stube wische, ungern und selten abstaube, gelegentlich aufräume, ein bisschen handarbeite und so weiter und so fort. - Die meinen: "Was machst du ausserdem? Wofür setzest du dich ein? Was tust du Wertvolles?" - Ich habe dann nichts zu bieten. Punkt. Punkt. Punkt. - Ich will nämlich nicht mehr. Ich bin pensioniert. Sollen nun Jüngere übernehmen. Ich schaue zu mir und zu Reto. Und zu Kater Nepomuk. Interessiere mich für meine Lieben, als da sind Kinder, Enkelin, Freund*innen (Verwandte inbegriffen) und Nachbar*innen. Ich lese, stimme ab, wähle (links). Ich lebe Nachhaltigkeit. Kaufe BIO. Fliege nicht. - Ich sitze immer öfter einfach unter dem alten Baum im Garten und lege die Hände in den Schoss. Ich bin im Ruhestand.
