Samstag, 31. Januar 2015

Brief eines 87-Jährigen

Heute Morgen habe ich wieder mein neues Ritual gepflegt: Zuerst drei Minuten lang einen warmen, nassen Waschlappen auf die Augen gelegt, dann sanft reinigend getupft, hierauf Augensalbe auf den unteren Lidrand gegeben, darauf folgend je ein Tröpfchen des Kortison haltigen Medikamentes appliziert, zum Frühstückstisch geschlarpt, dort die Blutdruckpille neben den Wasserbecher gelegt, zwanzig Vitamin-D-Tröpfchen auf den Müeslilöffel gegeben, staunend den Alkoholcocktail geschmeckt und geschluckt - und dann kam das Morgenessen wie vor Zeiten. - Ich habe an einen alten Freund gedacht, der vor Jahren schon bemerkt hat, dass er am Morgen immer mehr Zeit braucht, bis er "gerüstet" ist.

Dieser alte Freund hat sich gerade für unser Geschenk zum 87.Geburtstag bedankt. Er hat geschrieben, dass er auf der Loipe war. "Es war recht schön, einfach etwas anstrengender als früher...Aber so wie es noch ging, gab es mir Hoffnung, dass ich im Frühling wieder Wanderungen unternehmen kann."

Freitag, 30. Januar 2015

Erbauung meines Herzens

Weil ich dauernd am Motzen bin über mein eigen Altwerden, habe ich mir ein kleines Büchlein von Wilhelm Schmid gekauft. Es heisst "Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden." - Gewinnen? - Ich habe eher das Gefühl, dass ich verliere. Sehkraft, Schmerzlosigkeit, Spannkraft, Ausdauer und was noch alles. Gestern mochte Kaya, 19 Monate alt, länger durchtanzen als ich alte Grossmutter. Dabei tanzen wir beide überaus gern. - Also, was soll das mit dem Gewinnen, wenn wir älter werden? - Wilhelm Schmid, den zu googeln sich lohnt, rät wieder mal zu Altbekanntem, das mir immer wieder verloren geht: Achtsames Leben, Ars vivendi (Kunst des Lebens), Art of Aging statt Anti-Aging.

Ich habe erst das Vorwort gelesen. Ein Satz daraus hat meine hochgehenden Anti-Ärzte-Wogen geglättet, mich zur Ruhe gebracht. Jaaa, dieses schon! Dieses gern:

"Die Natur bevorzugt den langsamen Prozess des Älterwerdens: So bleibt Zeit, dem heranwachsenden Leben beizustehen, Erfahrungen weiterzugeben und neue Erfahrungen zu machen."

Ich werde das kleine Büchelchen mit grosser Achtsamkeit und ganz langsam lesen und mich dazwischen am "heranwachsenden Leben" erfreuen. Nicht gerade Weisheit, aber Erbauung meines Herzens sind:

gugga (Gurke)
gukili (Salzgürkli)

und all die anderen Wörter aus dem wachsenden Wortschatz von Klein-Kaya.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Hässig

Es ist halb zehn Uhr morgens, und ich komme schon wieder von einem Arzt zurück. Mit einem Rezept in der Tasche. Zwar nur Vitamin D; das sei eigentlich nicht ein wirkliches Medikament, sagt mein Arzt, um mich milder zu stimmen. Gerade habe ich gelästert, weil ich mein Badzimmerschränkli umbauen muss. "Kein wirkliches Medikament", sagt er, "aber nehmen Sie es bitte bleibend." - Also Schränkli-Platz fordernd. Da sind nun lebenslang: Blutdruckpillen, Augentropfen, Vitamintröpfli. - Über ein Cholesterinmedi habe ich erfolgreich verhandelt. Drei Monate herausgewirtschaftet, wo ich die Werte verbessern kann. Soll der Arzt nur nicht so milde vor sich hin lächeln. Macht mich nur noch hässiger. - "Eigentlich haben Sie ja gar noch nicht viele Medikamente." sagt der Typ. - "Für mein Alter." sollte er wohl hinzufügen. Das ist es ja gerade - ich hadere mit meinem Alter.

Mittwoch, 28. Januar 2015

Badzimmerschränkli umräumen

Seit etwa drei Monaten kann ich nachts die Augen nicht auf Anhieb öffnen, sind sie besonders morgens rot, genieren sie mich, spannen sie bis in die Stirn hinauf - befürchte ich allerlei. Aber nein, ich bin nicht innert nützlicher Frist zum Augenarzt gegangen. Ich habe meine Tagescreme gewechselt, meinen Haarlack zum Teufel gewünscht und die "Künstlichen Tränen" appliziert, die mein Hausarzt verschrieb. Unregelmässig, weil er zu wenig verschrieb. Rezept nicht lange genug gültig. Und ich habe langsam Angst bekommen, weil nix besser wurde. - Heute bin ich bei der Augenärztin gewesen. Hildtrud Adam heisst sie und ist eine junge, zackige. Sie hat Entwarnung gegeben und drei Sorten Tröpfchen. Gesagt, dass ich Disziplin brauche, um die chronisch gewordene Entzündung loszuwerden. Aber ich brauche nicht einmal eine Brille. Lesebrille aus dem Warenhaus genügt noch, weil ich nicht Auto fahre. - Also habe ich mein Badzimmerschränkli umgeräumt und Platz geschafft für dreierlei Tröpfchen. Einerlei wird bleiben, auch wenn die Entzündung dank meiner enormen Disziplin heilen wird.

Dienstag, 27. Januar 2015

Warum syt der so truurig...

Wenn mich jemand gefragt hätte, ich hätte keine Ahnung mehr gehabt, dass Mani Matter ein Lied gesungen hat, das hiess: "Warum syt der so truurig?" - Aber eine Melodie kreiste heute und kreiste in mir, während wir von Flüelen nach Winterthur zurück fuhren. Mit je einem vollen Rollkoffer und einem vollen Rucksack. Sachen, die wir behalten wollen, die bisher in unserer Flüeler Ferienwohnung lagerten. Gerade habe ich für alles einen Platz gefunden. Und dabei die Melodie, die Melodie! Und dabei genau dieses Gefühl - Trauer! Und schon erkannte ich die Melodie und sagte mir: "Ja, das darf jetzt sein - ein bisschen Trauer darüber, dass wir meine Fluchtburg aufgeben." - Trauer erkannt, wird das Herz etwas leichter. Ich bin ja einverstanden. Wirklich einverstanden. Aber ich war so gern dort. So gern! Kommt noch eine abschliessende, letzte, allerletzte Ferienwoche im Februar...

Montag, 26. Januar 2015

Gleich fährt der Zug

Immer fährt gleich der Zug. Will sagen, immer ist etwas los. Gestern Abend sind wir bei Harry versumpft. Ich sage "Harry", weil Judith die einzige Aufrechte an solchen Abenden ist. Wo eine schweisstrieffende Nacht folgt, weil, da muss was abgebaut werden. - Und immer denke ich, ich werde klüger und tue meinem Körper was anderes an. Aber schön war es. Fröhlich war es. Und immer mittendrin Klein-Kaya.

Sonntag, 25. Januar 2015

Spontan angemacht

Ich habe gerade ein Buch fertig gelesen, das mich im Laden spontan angemacht hat. Es heisst "Wo ist denn meine Brille?", und es wurde von zwei alten Freundinnen geschrieben. Die eine war siebzig, die andere achtzig Jahre alt, als sie vor zehn Jahren diesen Briefwechsel betrieben. Das Buch war wohl ein Ladenhüter bei Orell Füssli, bis ich es gekauft habe. Und das eigentlich nur wegen des Titels, der bei mir "Nicht ohne meine Lesebrille" heissen würde. - Noch! Denn am Mittwoch der kommenden Woche gehe ich erstmals zur Augenärztin, und ich werde wohl kaum ohne ein Brillenrezept heraus kommen. - Übrigens gehe ich am Donnerstag zum Hausarzt, weil mein Cholesterinspiegel zu besprechen ist. Diese Outings heissen im Buch "tabufreie Bestandesaufnahme der Probleme alter Menschen" und werden als mutig gelobt. - Mutig gestehe ich also ausserdem, dass es mir etwelche Mühe macht, ständig in Arztpraxen erscheinen zu müssen. Oder anders: Diese Arztlauferei macht mir bewusst, dass ich alt geworden bin. Trotzdem freue ich mich jetzt schon auf meinen kommenden 66. Geburtstag, und ich hoffe, dass ich noch ein paar weitere erleben werde bei ordentlicher Gesundheit. So ist es ja allemal. Die Urner Oberländer sagen: "Me mues zfriede sii." - Anzumerken ist noch, dass meine beste Freundin und ich uns auch gegenseitig in Briefen orientieren "über die Probleme alter Menschen" - aber nicht nur, oft haben wir auch zu lachen in unseren Briefen, die wöchentlich hin und her gehen, oder wir informieren uns gegenseitig über Lesenswertes und Sehenswertes. Über Lebenswertes!